
Was bisher geschah – Stadtteilinitiative Olvenstedt
Perspektive einer beteiligten Person
Seit knapp eineinhalb Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich bei der Stadtteilinitiative in Neu-Olvenstedt. Dieser Text ist eine persönliche Perspektive auf das, was entstanden ist, was ich gelernt habe und wo die Initiative an Grenzen stößt.
Wie alles begann
Nach der Kommunal- und Europawahl im Sommer 2024 entstand die Initiative „Frei-Tag-Treff“ aus einem gemeinsamen Wunsch, mehr nachbarschaftliche Treffpunkte und solidarische Beziehungen im Stadtteil zu stärken. Orte und Räume, an denen Menschen miteinander in Kontakt kommen, teilen, sich kennenlernen und zusammentun, um ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Solidarische Nachbarschaftsstrukturen und Unterstützungsnetzwerke als Infrastrukturen des Zusammenlebens und als Gegenmacht zur gesellschaftlichen Spaltungen, materiellen Ungleichheit, Übernutzung der natürlichen Ressourcen sowie der Entfremdung vom eigenen sozialpolitischen Umfeld.
Zu Beginn hat sich die kleine Gruppe im Stadtteilbüro Neu-Olvenstedt getroffen und nach Orten sowie Räumlichkeiten für die Treffen gesucht. Schnell sind wir über eine GWA-Sitzung (GWA = Gemeinwesenarbeit) und das Netzwerk des Stadtteilbüros mit der Kollegschaft des Jugendclub Mühle, der in Trägerschaft des Spielwagen e.V. betrieben wird, in Kontakt gekommen. Diese fand das Anliegen unterstützenswert, und so einigten wir uns darauf, jeden zweiten Freitag im Monat zusammen mit den Jugendlichen zu kochen und weitere Menschen aus der Umgebung einzuladen. Das erste halbe Jahr gewannen wir neue Mitstreiterinnen, regelmäßige Teilnehmende und neue Kooperationspartner dazu. Anfang des Jahres 2025 ergab sich mit dem DeMO-Projekt die Möglichkeit, uns an einem überregionalen „Demokratie Leben“-Projekt zu beteiligen und die Initiative mit weiteren Ressourcen zu fördern.
Was sich seitdem getan hat
Aus einem kleinen Treffen wurde mit der Zeit eine vernetzte Initiative. Seit August 2024 finden regelmäßige Treffen bei der Mühle statt. Seit Oktober 2025 gibt es einen zusätzlichen Termin beim Sozialkaufhaus, in Kooperation mit dem BVIK. Und diesen April 2026 öffnet ein Werkstattcafé mit Suppenküche jeden Dienstag seine Türen.
Anfang 2025 wurde die Initiative Teil des überregionalen Demokratie-Leben-Projekts DeMO, gemeinsam mit Partnern aus Stendal-Stadtsee und Halle-Silberhöhe. Das brachte nicht nur ein Budget für Treffen, Ausflüge und Workshops, sondern auch wertvolle Kontakte und Lernerfahrungen, wie eine Tagung zur aufsuchenden politischen Bildung und ein Workshop zu „Transformativ Organizing“ (Dazu in einem anderen Bericht mehr).
Die Treffen wurden organisierter und vertrauter, fanden häufiger draußen statt, um auch vorbeilaufende Nachbarschaft zu erreichen, und boten Möglichkeiten für mehr Aktivitäten. Neben dem gemeinsamen Kochen gab es nun auch immer Basteloptionen, Spielmöglichkeiten und Austausch zu Themen, die die Teilnehmenden bewegten, oder zur Initiative selbst. Wir machten über Flyer, digitale Kommunikationsmedien und aufsuchende Kontaktarbeit im Stadtteil auf die Treffen aufmerksam.
Die niedrigschwellige Beteiligung durch gemeinsames Kochen, geselliges Beisammensein und weitere Aktivitäten ermöglichte eine offene, kontaktfreudige Atmosphäre, die das Kennenlernen begünstigte und gegenseitiges Vertrauen förderte. Über das letzte Dreivierteljahr hatten wir eine Exkursion in den Landtag und ein vielfältiges Workshopangebot, das bewegt und viel Freude bereitet hat. Es ist viel passiert: Beziehungen haben sich entwickelt, Erfahrungen, Kontakte und Wissen wurden geteilt und sichere Räume der Begegnung und des Zusammenseins sind entstanden. Zwei Mitglieder der Initiative sind neue GWA-Sprecher für den Stadtteil geworden, womit auch das politische Engagement und der Austausch darüber zugenommen hat. Aber natürlich sind auch Herausforderungen aufgetreten und mir wurden mit der Zeit die Grenzen der Umsetzung klarer.
Was ich mit der Initiative gelernt habe
Die Initiative hat mir verdeutlicht, wie viel im Kleinen möglich ist und wo gesellschaftliche Strukturen Grenzen setzen. Mit Strukturen sind feste Regeln, Gewohnheiten und Gegebenheiten gemeint, die unser Leben organisieren, oft ohne, dass wir sie bewusst wahrnehmen oder selbst bestimmt haben. Strukturen sind wie unsichtbare Leitplanken, die bestimmen, was für wen möglich ist und was nicht. Sie entstehen durch politische, wirtschaftliche oder historische Entscheidungen und können sich über Gebäude, Infrastrukturen oder Ressourcen, sowie die Zugänge und Ausschlüsse dazu, materiell ausdrücken. Strukturen können immer auch verändert werden und genau das ist, worum es für mich bei der Initiative auch geht. Dort, wo Strukturen Menschen ausschließen oder belasten, zusammen darauf aufmerksam zu machen und sich für den Abbau von Barrieren einzusetzen.
Dabei ist Zeit eine entscheidende, aber leider oft knappe Ressource. Für solidarische Beziehungen, für Selbstorganisation, für politische Teilhabe – all das braucht Zeit. Und Zeit ist in unserer Gesellschaft sehr ungleich verteilt und durch unsichere Arbeitsverhältnisse sowie herausfordernde Lebenssituationen eingeschränkt. Manche Termine unserer Treffen schließen bestimmte Menschen ungewollt aus. Wodurch wir mehr Termine und personelle Ressourcen brauchen, um mehr Menschen zu erreichen. Wer wenig Zeit hat, kann auch weniger Verantwortung übernehmen oder übernimmt ohne Abstimmung zu vorschnell Verantwortung. Ich habe erlebt, wie aus Gewohnheit heraus Aufgaben selbstverständlich von Einzelpersonen übernommen werden anstatt, dass die Gruppe in die Selbstverantwortung und Abstimmung darüber kommt. Somit werden wichtige Erfahrungen für die Gruppenorganisierung durch Einzelpersonen vorweggenommen und andersherum argumentiert, „wenn ich es nicht gemacht hätte, würde es nicht gemacht werden“. Ich glaube es sollten öfters mal Dinge nicht gemacht werden, wenn die Gruppe die Verantwortlichkeiten nicht selbst geklärt hat und diese tragen kann. Natürlich kommt es dabei auch drauf an in welcher Phase der Organisireung sich die Gruppe befindet. Klärungsprozesse benötigen auch wieder Zeit und Geduld von Einzelpersonen und werden dadurch leider oft vermieden.
Transparent mit Zeit und Ressourcen umzugehen und gemeinsam deren Verteilung zu organisieren, wird aus meiner Perspektive, einer der wichtigsten Aufgaben in näherer Zukunft bleiben. Zudem gilt es weitere Erfahrungen zu sammeln mit der Diversität der Teilnehmenden umzugehen und sich gemeinsam abzustimmen. Aufsuchenden Arbeit bleibt bei der Ansprache/Einladung neuer Teilnehmenden für die Diversität der Initiative das A und O.
Auch strukturelle Hürden und Barrieren wurden im Austausch mit den Teilnehmenden deutlich. Ämter und Behörden die unverlässlich in existenziellen Notlagen sind, bürokratische Hürdenläufe, Wohnungen, die sich im Sommer aufheizen und immer wieder die Aussage, „niemand der sich drum kümmert“. Zudem wurden auch gewisse soziale Settings, wie z.B. GWA-Sitzungen, politische Aushandlungssettings (Parteien usw.) als unzugänglich oder nicht einladend beschrieben, da sie von einer bestimmten Sprache und Menschen dominiert werden. Oder es wir von baulichen Strukturen berichtet, welche Machtverhältnisse (Besitzverhältnisse und Planungsmacht) widerspiegeln und fehlende Partizipationsmöglichkeiten beklagt.
So ist z.B. der Stadtteil Neu-Olvenstedt etwa von zwei Straßen und einer Straßenbahnstrecke in zwei Teile getrennt, und es existieren wenige offen zugängliche Begegnungsorte zwischen den Wohnbereichen. Orte auf beiden Seiten der Trennung oder Dazwischen, wie Spielplätze, Parkinfrastruktur oder Nachbarschaftseinrichtungen (Stadtteilzentrum), die nicht kommerziell sind und allen offenstehen. Neu-Olvenstedt ist geprägt von Mehrparteienwohnblöcken und einer funktionalen Gestaltung des öffentlichen Raums mit Fokus auf Mobilität. Es gibt zwar hier und da Sitzgelegenheiten, einen Skater Park, öffentliche Kunstwerke und begrünte Durchgangszonen, doch vieles wirkt irgendwie fremd geplant und gestaltet. Als ob die Bewohnenden des Stadtteils wenig an ihrem Lebensumfeld mitentscheiden und gestalten konnten.
Viele Menschen, die zu unseren Treffen kommen, berichten von Einsamkeit, von Vermüllung als Zeichen fehlender sozialer Fürsorge und von gesundheitlichen Einschränkungen. Gerade gesundheitliche Einschränkungen in Kombination mit unzureichendem sozialen Rückhalt durch Familie, Freunde und Nachbarschaft sowie Mangel an materiellen und finanziellen Ressourcen führen bei vielen Teilnehmenden zu schwierigen Lebensverhältnissen mit wenig Zeit und Energie für zusätzliche Aufgaben. Gerade deshalb fällt es vielen auch schwer, mehr Verantwortung in der Initiative zu übernehmen. So beschränkt sich die Hauptorganisation (Strukturorganisation, Moderation, Öffentlichkeits- und Beziehungsarbeit) auf wenige Personen, was diese wiederum belastet. Das ist auf Dauer nicht nachhaltig und widerspricht den Zielen der Initiative. Die Projektlogik bringt zusätzlichen Druck durch Verwaltungsvorgaben und Unsicherheiten in Bezug auf die Förderung durch politischen Gegenwind. Das läuft den Prinzipien des kollektiven (transformativen) Organisierens manchmal direkt zuwider, denn der nachhaltige Aufbau von Beziehungen, Vertrauen und Selbstorganisation braucht Geduld und Menschen, die dranbleiben. Die Suche nach diesen Menschen oder Kooperationspartnern geht weiter und ich bin mir sicher das wir fündig werden.
Trotz alledem
Ich bin sehr froh, Teil der Stadtteilinitiative Olvenstedt zu sein. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, Beziehungen geknüpft und viel gelernt. Durch die Teilhabe an der Initiative habe ich Selbstwirksamkeit erfahren und erlebt was Basisorganisierung bedeutet. Zudem habe ich gespürt welches Potenzial in solidarischen Nachbarschaften steckt, wenn Menschen füreinander da sind und sich für bessere Lebensverhältnisse zusammentun.
Das Potenzial ist da, durchs Zusammentun können wir es entfalten.



